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 13.08.2020

Wie ein fehlgeleiteter Golfball neue Gäste brachte

Glacier Express erinnert mit einer Feier zum 90. Jubiläum an die ereignisreiche Geschichte und blickt vorsichtig optimistisch in die Zukunft.

„Too big to fail“ – seit dieser Woche weiss man, dass dieser Krisenspruch auch für den Glacier Express gilt und in der Vergangenheit schon öfters galt: Verwaltungsratspräsident Isidor Baumann meint damit, dass der bekann­teste Schweizer Zug zu wichtig sei für den Schweizer Tourismus, und dass er auch diese Corona-Krise überstehen werde, nachdem er in seiner nun 90jährigen Geschichte schon turbulente Zeiten wie den Zweiten Weltkrieg und anfangs 2000 die Finanz- und dann die Euroturbulenzen überlebt habe.

Jubiläumsfeier in bescheidenem Rahmen 
Dieses erste runde Jubiläum in der neuen Ära als eigenständige Firma wollte man im Frühling gebührend feiern, doch mit dem Lockdown musste der Glacier Express als einer der wenigen rein touristischen Züge stillstehen. Da seit Juni wenigstens ein erstes und seit Juli ein zweites der vier regulären Sommer-Kurspaare wieder verkehren, war auch der Moment gekommen, das Jubiläum mindestens in bescheidenem Rahmen nachzuholen: mit je einem kleinen Festakt in St. Moritz und Zermatt und einer Jubiläumsfahrt zwischen den beiden Ausgangspunkten in der ersten komplett renovierten Glacier-Komposition.

Bis letztes Jahr war der Glacier Express unter neuer Ägide sehr gut unterwegs – „so gut, dass sich die Eignerbahnen aufs aktive Elternsein zurückziehen konnten. In der aktuellen Situation braucht es wieder mehr Engagement von der MGBahn und von uns“, wie RhB-Direktor Renato Fasciati anmerkt; mit fast 258‘000 Passagieren wurde in der Tat annähernd die absolute Rekordmarke von 2008 erreicht. Das nun wieder anziehende Interesse stimmt Glacier Express-Direktorin Annemarie Meyer zwar vorsichtig optimistisch, doch zwischen zunehmenden Reservationen und den zum Zeitpunkt X effektiv realisierten Buchungen bestehe noch ein grosses Fragezeichen.

Urgesteine plaudern aus dem Nähkästchen
Für einen authentischen Jubiläumsrahmen sorgen zwei Protagonisten, die sich ganz besonders um den Glacier Express verdient gemacht hatten, Hanspeter Danuser und Amadé Perrig, die beiden langjährigen ehemaligen Kurdirektoren von St. Moritz und Zermatt – die letzten, die sich noch so nannten, und die lautesten dazu, wie Perrig verschmitzt erklärt: „Danuser mit dem Alphorn und ich mit Jodeln“. Klar, dass die Gäste Kostproben geboten erhalten. Mit weitgehend unbekannten Geschichten aus ihrem reichen Anekdotenfundus sorgen die seinerzeit bekanntesten Schweizer Tourismuspromotoren für weitere Erheiterung der Gäste.

So schildert Danuser, wie er anfangs der 1980er-Jahre einen Anstoss von Helmut Klee, dem langjährigen Leiter der damaligen Schweizer Verkehrszentrale in New York (und mit 91 Jahren der älteste noch lebende Förderer des Glacier Express), aufgriff. Er sah bei den Amerikanern noch ein enormes Potenzial: „Die wollen in den Alpen reisen, nicht Ferien machen.“ Die Eröffnung des Furkatunnels 1982 schien die ideale Gelegenheit dafür. Dazu wurden erstmals in der Schweiz – eine Sitzplatzreservation eingeführt werden (per Telex) und die skeptischen Direktoren der damals noch drei Betreiberbahnen überzeugt werden: „Als solide Ingenieure können wir doch nicht einen Glacier-Express neu lancieren, bei dem der Passagier den Rhone-Gletscher gar nicht mehr sieht!“ Im Gegensatz zu Eisenbahnern nehmen es Kurdirektoren mit der Geografie nicht so genau. Und die eindrückliche Passagierzunahme gibt ihnen sowieso recht ...

Wie Danuser gesteht, half der Glacier Express aber auch seiner Kurort-Promotion: „St. Moritz galt überall als extravagant und teuer, die Schweiz als solid, aber langweilig. Mit dem 'Glacier' weckte ich Sympathie und Goodwill: 'Slow Travel and Slow Food' – acht Stunden entschleunigende 'Panorama Time', und erst noch für ein Schnäppchen im Vergleich zu internationalen Eisenbahn-Klassikern.“

Fast unglaublich die Episode, aufgrund der es Amadé Perrig gelang, die schlechter frequentierte West-Ost-Belegung an die umgekehrte Fahrtrichtung anzugleichen: „Bei einem Golfturnier in den 1990er-Jahren trifft mich ein Gewaltsabschlag am Magen. Der besorgte Präsident von JTB (Japan Travel Bureau) eilt herbei und fragt: ‚What can I do for you?‘ Worauf Perrig schlagfertig sagt: „Oh, I don‘t need a doctor but your help – you must bring me more tourists travelling in the direction from Zermatt to St. Moritz.“ Und als höflicher Japaner konnte er diese Bitte nicht ausschlagen ...“

Buchstäblich ein Knaller war laut Perrig ein paar Jahre später auch der Messeauftritt an der wichtigsten deutschen Busmesse RDA in Köln: „Erstmals wird ein Computer für direkte Buchungen angeschleppt. Leider ist die Verkabelung nicht einwandfrei – der Stand gerät in Brand und die Reservationen hatte man glücklicherweise auch noch auf Papier.“ Der Glacier Express war damit Messegespräch und bekam ungewollte Propaganda ...

Demokratische Farbwahl
Ein kleiner Primeur ist von MGBahn-Direktor Fernando Lehner aber auch aus der Glacier-Neuzeit zu vernehmen: „Als es 2004 um die Bestimmung des Rottons der neuen Panoramawagen geht, wird nicht das traditionelle RhB-Rot oder das Rot der kurz zuvor fusionierten und neu livrierten MGBahn gewählt, sondern eine Mischung der beiden Farbtöne als Kompromiss“. Und wie der lichte Blauton zustande kommt? Die Rollmaterial- und Marketingchefs treffen sich im Schweizerhof am Zürcher Bahnhofplatz, stellen fünf grosse Farbtafeln vors Hotel und entscheiden dann unter Einfluss der Publikumswirkung ...

Auf dem Bild von links: Renato Fasciati, Direktor RhB, Annemarie Meyer, Geschäftsführerin Glacier Express AG, Isidor Baumann, Verwaltungsratspräsident Glacier Express AG mit dem Geschenk von St. Moritz Tourismus, Fernando Lehner, Direktor MGBahn.

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